Den Gezeiten auf den Grund gegangen

Kommen wir ohne Einleitungs-Geplänkel gleich zur Sache und klären zunächst den Gezeiteneinfluss des Mondes. Die Gravitationskraft, also auch die des Mondes auf die Ozeane, ist ortsabhängig. Sie nimmt mit dem Quadrat des Abstandes ab, oder einfacher: die Erdseite, die dichter am Mond liegt (monzugewandte Seite), erfährt eine stärkere Anziehungskraft als die entferntere Erdseite. Nun bedarf es keiner Genialität einzusehen, dass es auf der monzugewandten Seite zur Ausbildung eines Wasserberges kommt. Die folgende Grafik veranschaulicht dies, verwirrt uns aber zunächst auch dadurch, dass auf der mondabgewandten Seite auch ein Wasserberg zu erkennen ist, obwohl die Gravitationswirkung des Mondes dort schwächer ist.

Für diesen Wasserberg müssen wir eine andere Kraft verantwortlich machen: die Zentrifugalkraft. Nur welche? Bringen wir etwas „Bewegung“ in die Sache. Die Erde dreht sich um ihre eigene Achse, also ist die Zentrifugalkraft an allen benachbarten Punkten, die symmetrisch zur Rotationsachse sind, gleich. Damit scheidet die Eigenrotation der Erde aus. Damit ist die Dynamik des Erde-Mond-System aber noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Der Mond bewegt sich um die Erde, naja, fast richtig. Bei einem „bewegten“ Zweikörper-Problem (nicht das, was Sie jetzt denken), also zwei Körpern, die sich in gegenseitiger Wechselwirkung befinden (und das ist bei der gegenseitigen Anziehung von Erde und Mond der Fall), bewegen sich die Körper um ihren gemeinsamen Schwerpunkt. Der gemeinsame Schwerpunkt des Erde-Mond-Systems liegt ca. 4700 Km vom Erdmittelpunkt entfernt, aber noch in der Erde. Die Erde führt also auch eine etwas eiernd anmutende Kreisbewegung um diesen gemeinsamen Schwerpunkt aus. Die aus diesem Eiertanz der Erde resultierende Zentrifugalkraft ist wiederum abstandsabhängig. Je weiter man sich vom gemeinsamen Schwerpunkt entfernt, desto größer wird die Zentrifugalkraft. D.h. also, dass die mondabgewandte Erdseite, die ja weiter vom gemeinsamen Schwerpunkt entfernt ist, eine größere Zentrifugalkraft erfährt als die mondzugewandte Seite.

Die Bewegung um den gemeinsamen Schwerpunkt lässt sich ganz gut an einem Hammerwerfer beobachten. Der Hammerwerfer führt während der kreisförmigen Beschleunigungsphase mit seinem „Hammer“ (eine Metallkugel am Ende eines Metalldrahtes um Missverständnissen vorzubeugen) eine ähnliche eiernde Bewegung um den gemeinsamen Schwerpunkt von sich selbst und dem Hammer durch. Die Zentrifugalkraft wirkt natürlich immer nach außen, also vom Rotationszentrum (gemeinsamer Schwerpunkt) weg. Natürlich wirkt auf die Wassermassen im jeweils betrachteten Punkt die resultierende Kraft (die Summe jeweils beider Pfeile). Man erkennt deutlich, dass obwohl die Gravitationskraft auf der mondabgewandten Seite das Wasser an die Erdoberfläche zu pressen versucht, die Zentrifugalkraft nach außen überwiegt. Es entsteht auf der mondabgewandten Seite also ebenfalls ein Wasserberg.

Die Sonne erzeugt einen ähnlichen Effekt auf die Erde wie der Mond, jedoch viel schwächer. Wenn, wie in der folgenden Grafik, Sonne, Erde, Mond (oder Sonne, Mond und Erde) auf einer Geraden liegen, d.h. bei Voll- und bei Neumond, wirken Mond und Sonne gleichsinnig und so entstehen besonders starke Gezeiten (Springtiden).

Etwa 7 Tage nach Voll- oder Neumond hat der Mond ein Viertel seiner Bahn um die Erde zurückgelegt und Sonne, Erde und Mond bilden einen rechten Winkel. Die Wirkung der Sonne ist der des Mondes entgegengesetzt. Die resultierende Gezeit ist deutlich geringer als diejenige, die durch den Mond allein erzeugt wird. Sie tritt bei Halbmond auf und wird Nipptide genannt.

Die Ausbildung der Gezeiten hängt aber nicht nur von den wechselnden Stellungen des Mondes und der Sonne relativ zur Erde ab, sondern auch wesentlich von der sehr unregelmäßigen Gestalt der Meeresbecken. Die Gezeiten können sehr komplizierte Formen annehmen. Ihre Vorausberechnung erfordert demnach einen beträchtlichen Aufwand.. Die Art, in der sich die Gezeitenschwingungen der Ozeane ausbilden, hängt von der Gestalt und der Tiefe der Meeresbecken ab. Die Gezeiten kleinerer Randmeere, wie z.B. der Nordsee, werden fast ausschließlich durch das Mitschwingen mit den angrenzenden Ozeanen und nur zu einem sehr geringen Teil durch die unmittelbare Einwirkung der gezeitenerzeugenden Kräfte verursacht. Die Gezeiten können an jedem Ort unmittelbar zu den scheinbaren Bewegungen des Mondes und der Sonne in Beziehung gesetzt werden. Die besondere Form dieser Beziehung für einen bestimmten Ort wird bisher am genauesten aus örtlichen Beobachtungen ermittelt.